Kirstin Rabe wählt für ihre Wandobjekte Papier, ein fragiles, unendlich formbares Medium. Papier ist in unserer Kultur zugleich Gedächtnisspeicher und Aufschreibematerial, kann das Material für Kitsch und Schund und höchste Literatur sein. Dieses Material Papier wird von ihr bearbeitet, verarbeitet. Die Papiere, deren Ränder sie dann horizontal oder vertikal anordnet, die aneinandergereihten Papierebenen suggerieren Bewegung und Beweglichkeit. Mit unglaublich subtilen Farbverläufen stellen sie Tiefe her, stellen sie Oberfläche her und das eine im Anderen. Wenn wir an diesen Arbeiten vorbeigehen, eröffnen sich immer neue Blicke, neue Schichten. Die Papierschichten oder -Knoten, Linien aus Papier, überlagern sich, verbinden sich, öffnen sich, und eigentlich geht es auch um diesen nicht aufhaltbaren Prozess des Sehens, zwischen Verschwinden, Verhüllen, Eröffnen und wieder Verschließen. Mich hat diese Arbeit auch an den Roman „La Jalousie“ erinnert, der am Beispiel einer Jalousie zeigt, dass wir nie alles sehen können, sondern das je nach Licht und Schatten, je nach Blickwinkel und Standpunkt, immer neue Bilder zutage treten. Aus diesen fragilen Papieren, eigentlich  ein  Trägermaterial  für etwas anderes, wird hier eine Einladung hinein in den Prozess der Wahrnehmung, der sich so praktisch selbst exemplifiziert. Das komplexe Verhältnis der Flächenbewegung zur Tiefenbewegung und damit aus der zweiten Dimension zur dritten wird subtil und frei reanimiert. Die Objekte führen ganz direkt in das spannungsvolle Verhältnis von Körper und Welt als ein sich beidseitig differenzierendes Relief, das zwischen Wahrnehmung und Tastsinn, zwischen Auftauchen und Verschwinden flottiert. 

 

Dorothée Bauerle-Willert, Kunsthistotikerin

aus der Rede zu "Form.Vielfach - DIE NEUEN" im Verein Berliner Künstler, gehalten am 5.8.2022 hier die ganze Rede

In den Arbeiten Horizonte verbindet Kirstin Rabe zwei Methoden, mit denen sie sich in den vergangenen Jahren beschäftigt hat – die Zeichnung mit Japantusche und die Entwicklung von Bildobjekten aus handgeschöpftem Papier, das sie in ihrem Atelier herstellt. Inspiriert von der Werkreihe Da Casoli di Greppolungo (2018) und den Waldgeschichten (2016-2018) entstand eine faszinierende neue Gestaltung, die den spielerischen und gleichzeitig kenntnisreichen Umgang mit Material und Farbe sowie den Möglichkeiten ihrer Veränderung während des künstlerischen Prozesses fortsetzt. Auf der bewegten Oberfläche der Raum-Landschaft führen die dunkler nuancierten Farbtöne auf dem Grund des Bildes den Blick in die Tiefe, um sich, schrittweise heller werdend, gleichzeitig nach oben hin auszubreiten. Aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, scheint die Struktur der hinter- und übereinander gestaffelten, horizontal angelegten Papierebenen Wandlungen zu vollziehen. Wie Krustationen von Eis erheben sich die gebrochenen, wellenförmigen Linien, ohne dabei jemals in Erstarrung zu verharren. Die Vielschichtigkeit des weichen, anpassungsfähigen Materials lässt sie in  konstanter Bewegung erscheinen. Die Künstlerin hat eine wandelbare Landschaft geschaffen, deren Anziehungskraft der Betrachter sofort zu spüren vermag.  

 

Auguste Desnoyers, 2019

Sanft geschwungene Hügel in fließender Bewegung erstrecken sich vor dem Auge des Betrachters. Ein Gefühl der Ruhe stellt sich ein. Die kleinformatigen Zeichnungen der von Wanderungen in den Apuanischen Alpen inspirierten Werkreihe Da Casoli di Greppolungo wachsen in der aufmerksamen Studie über den Bildausschnitt hinaus. Ein „von – bis“ scheint es nicht zu geben. Durch die angeschnittenen Bergrücken entsteht ein Eindruck von Unendlichkeit. Die in drei und vier Reihen hintereinander gestaffelten Wölbungen folgen dem sich im Moment entfaltenden Rhythmus der Feder der Künstlerin. Ihre ruhige, geübte Hand entlockt der monochrom angelegten Japantusche feinste Farbnuancen. Von dunkler zu heller werdenden Streifen wachsen die bewegten Rundungen in die Bildtiefe hinein. In jedem Beispiel erwecken die Zeichnungen von Kirstin Rabe neues Erstaunen. 

 

Auguste Desnoyers, 2019

Beginnen möchte ich mit einem auf den ersten Blick banalen Verweis, nämlich auf die Facebook-Seite von Kirstin Rabe. Man sieht einen von Wolken verhangenen Himmel über Bergen. Die Landschaft befindet sich zwar in der Toskana. Aber eigentlich fasziniert der festgehaltene Blick, der ihr dort gelungen ist. Nicht der Fakt ist von Belang, wo genau das Foto entstand, es handelte sich nicht um den vermessenden, kartierenden Blick der früheren Geodätin. Vielmehr ist es die Stimmung, die im Fokus der Fotografin war. Der sinnlich aufgeladenen Naturanschauung begegnete ich - wenn auch stark reduziert in den Wolkenformen des Aquarells „Mountain“ von Song Soo Nam. Ähnlich verstehe ich die hier zu sehenden Wolkenbilder. Ein Bildmotiv, das ursprünglich von ihrem Großvater, Rolf Mangelsen, angeregt worden ist. Dessen „Praktische Wetterkunde“ enthält ein Kapitel „Wolkenbilder und ihre Deutung“. Kirstin Rabe treibt jedoch nicht das meteorologische Interesse ihres Großvaters an, oder das des englischen Malers John Constable. Sie vergrößert Himmelsausschnitte, um die Zooms auszuwählen. Es geht ihr dabei ausschließlich um Lichtphänomene, die sie in den Wolkengebilden festzuhalten sucht. Das war ein wesentlicher Impuls dafür, dass ich nicht zuerst nach Anknüpfungen in der amerikanischen oder europäischen Kunstgeschichte suchte. Und Kirstin Rabe bestärkte mich darin. Sie erzählte mir, dass sie in Anyang gelebt hat, einem Vorort von Seoul. Ganz in der Nähe von Anyang liegt Gwacheon. Das dortige Kunstmuseum hat sie oft besucht. Ich vermute, dass ihre monochromen Farbreihen von Künstlern wie Chung Sang-Sup und Chang Hwa-Jin inspiriert sind, deren Bilder sich im dortigen Sammlungsbestand befinden. In den Objektbeschreibungen der dortigen Museologen werden sie in die Nähe der Hard Edge-Malerei gerückt, die u.a. von Malern wie Barnett Newmann oder Mark Rothko repräsentiert wird. Interessanter Weise wird kein Bezug zur deutschen Farbfeldmalerei benannt, obwohl den Bildern von Heinz Mack oder Johannes Geccelli die besondere haptische Wirkung eigen ist, die man den beiden südkoreanischen Malern mit den Worten bescheinigt hat: „The calm and plain tone creates a lyrical atmosphere.“ Eine Gewissheit entnehme ich jedoch vor allem dem Anspruch, der sich für Heinz Mack mit der Zero-Gründung verbunden hatte: „ZERO bezeichnete eine Phase des Schweigens und der Stille, eine Zwischenzone, in der ein alter Zustand in einen neuen übergeht.“ Denn die auf bestimmten Naturpigmenten beruhenden Werkreihen von Kirstin Rabe stehen auf diesen bildästhetischen Grundlagen. Kirstin Rabes Aufmerksamkeit richtet sich auf die geschrundete Oberfläche und die dadurch erzeugte feine nuancierte Licht-Wirkung der Farbfelder. Papiere schöpft sie selbst und formt sie zu dreidimensionalen Objekten, die ganze Räume füllen können. Sieht man auf die Fläche, erscheint oft eine Landschaftsahnung vor Augen, die durchaus beabsichtigt ist. 

 

Thomas Kumlehn

aus der Rede am 18.03.2017 zur Vernissage der Ausstellung „Form • Farbe • Papier“ von Barbara Illmer und Kirstin Rabe in der Neuen Galerie, Wünsdorf- Waldstadt, hier die ganze Rede

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