li: Strata Vertical, 2020, Kirstin Rabe | re: Hortus siccus (Detail), 2016, Astrid Weichelt

Auszug aus der Rede zu Paragone, Kirstin Rabe und Astrid Weichelt

Kirstin Rabe stellt jedes einzelne Blatt selbst her und gießt die Pulpe, der sie vorher Farben wie Japantusche, Acrylfarbe, Pigmente in jeweils eigener Mischung und Dosierung beigemischt hat, flächig durch Siebe für den anschließenden langwierigen Trocknungsprozess. Während des Trocknens überlässt sie die aushärtende Masse sich selbst. Danach beschneidet sie in der Regel die Kanten der neu entstandenen Blätter, diese bilden das Material für unterschiedliche Gestaltungsformen. Zitat: „Die Kanten interessieren mich insbesondere wegen der Textur, denn die gegossenen Blätter sind jedes für sich unterschiedlich geformt.“ Für die Werkreihe Waldgeschichten verwendet sie die Horizontal- und die Spiralform, für Strata zu Deutsch „Schichten“, staffelt sie Papiere horizontal oder vertikal. Abgesehen von der subtilen singulären Farbigkeit jedes Blattes innerhalb dieser „atmenden“ Schichtungen, verblüfft die fast gegensätzlich zu nennende Bildwirkung bei den horizontalen oder spiralig bis vertikalen Anordnungen. Bleibt sie für den Betrachter bei den spiraligen und horizontalen Formen vor allem auf den sichtbaren „Saum“ der Papiere animiert, entsteht hingegen bei den vertikalen Formen ein sogartiges Hineinziehen des Blicks. 

5 aus dem Zyklus Alpi Apuane | 2020 | Altpapier, Baumwollzellstoff, Tusche | je 18x20cm

Die der jüngsten Werkreihe zugehörigen Schnürungen entstehen aus übriggebliebenen – in schmale Streifen geschnittenen – sogenannten Mittelstücken. Hier ist die Haptik den reliefhaften Oberflächen der superficies nahe. Letztere gelangten übrigens erst während der Laufzeit in die hiesige Ausstellung, weil Horizonte 2 für die aktuelle Ausstellung zum Brandenburgischen Kunstpreis in Neuhardenberg nominiert worden ist und dort bis zum 22. August gezeigt wird. Nicht zu vergessen, die Werkreihe Alpi Apuane, eine Weiterentwicklung der Bildwirkung ihrer zarten Aquarellreihe Da Casoli di Greppolungo. Während Casoli di Greppolungo eine hügelige Landschaft panoramaartig in zarten geradezu asketischen weißgrauen Abstufungen zeigt, wirkt die Alpi Apuane-Reihe aufgrund der mäandernden Ablagerungen schwarzer und weißer Tusche konturierter, die in der Collagetechnik gestaffelten Blätter öffnen mehr die Bildtiefe als dass sie das beim betrachten das Gefühl einer sich links und rechts schier ausdehnenden Sichtbreite evozieren. Die Aufzählung wäre für Sie, verehrte Gäste, nur dann ermüdend, wenn Sie hier nicht den vergleichenden Blick auf das jeweilige Werk hätten. Grundsätzlich überraschend ist gerade das scheinbar Unvereinbare aus strenger Form und Überschaubarkeit im Format sowie der berückende Zauber der singulären Lichtwirkung und Materialität in jedem der hier zu betrachtenden Werke von Kirstin Rabe. 

© Thomas Kumlehn

gehalten als Rede am 30.05.2021 zur Finissage der Ausstellung „Paragone“ von Astrid Weichelt und Kirstin Rabe in der Galerie 47, Birkenwerder, hier die ganze Rede

 

 

 

 

 

Horizonte 3, Detail | 2020 | Altpapier, Baumwollzellstoff, Japantusche | 75x72x3 cm; siehe Papier, Werkreihe Strata

In den Arbeiten Horizonte verbindet Kirstin Rabe zwei Methoden, mit denen sie sich in den vergangenen Jahren beschäftigt hat – die Zeichnung mit Japantusche und die Entwicklung von Bildobjekten aus handgeschöpftem Papier, das sie in ihrem Atelier herstellt. Inspiriert von der Werkreihe Da Casoli di Greppolungo (2018) und den Waldgeschichten (2016-2018) entstand eine faszinierende neue Gestaltung, die den spielerischen und gleichzeitig kenntnisreichen Umgang mit Material und Farbe sowie den Möglichkeiten ihrer Veränderung während des künstlerischen Prozesses fortsetzt. Auf der bewegten Oberfläche der Raum-Landschaft führen die dunkler nuancierten Farbtöne auf dem Grund des Bildes den Blick in die Tiefe, um sich, schrittweise heller werdend, gleichzeitig nach oben hin auszubreiten. Aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, scheint die Struktur der hinter- und übereinander gestaffelten, horizontal angelegten Papierebenen Wandlungen zu vollziehen. Wie Krustationen von Eis erheben sich die gebrochenen, wellenförmigen Linien, ohne dabei jemals in Erstarrung zu verharren. Die Vielschichtigkeit des weichen, anpassungsfähigen Materials lässt sie in  konstanter Bewegung erscheinen. Die Künstlerin hat eine wandelbare Landschaft geschaffen, deren Anziehungskraft der Betrachter sofort zu spüren vermag.  Auguste Desnoyers, 2019

 

 

 

Da Casoli di Greppolungo | 2018 | Japantusche auf Papier | je ca. 6x17 cm; siehe Malerei, Werkreihe Tusche

 

"Sanft geschwungene Hügel in fließender Bewegung erstrecken sich vor dem Auge des Betrachters. Ein Gefühl der Ruhe stellt sich ein. Die kleinformatigen Zeichnungen der von Wanderungen in den Apuanischen Alpen inspirierten Werkreihe Da Casoli di Greppolungo wachsen in der aufmerksamen Studie über den Bildausschnitt hinaus. Ein „von – bis“ scheint es nicht zu geben. Durch die angeschnittenen Bergrücken entsteht ein Eindruck von Unendlichkeit. Die in drei und vier Reihen hintereinander gestaffelten Wölbungen folgen dem sich im Moment entfaltenden Rhythmus der Feder der Künstlerin. Ihre ruhige, geübte Hand entlockt der monochrom angelegten Japantusche feinste Farbnuancen. Von dunkler zu heller werdenden Streifen wachsen die bewegten Rundungen in die Bildtiefe hinein. In jedem Beispiel erwecken die Zeichnungen von Kirstin Rabe neues Erstaunen."  

Auguste Desnoyers, 2019

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